Die Angst

15. November 2024

Text von Hubert Herbst, 2023

DIE ANGST:

(…) Natürlich ist da auch noch die Angst. Die in der Luft liegt. Aber die kann man nicht sehen. Aber man kann sie spüren. Sie ist da. Sie umgibt uns. Ob sie sie sieht? Sie kriecht die Adern entlang, herauf, bis zum Hals. Sie packt unsere Körper. Es ist totenstill in der Stube. (…) Ich möchte gerne die Angst sehen, möchte sie hören. Aber sie meldet sich nicht. Nicht jetzt. Sie ist nicht sichtbar. Ich habe mir vorgenommen, heute die Angst zu besiegen. Hier und jetzt. Heute Abend. Als schönes Geschenk. Für uns. Damit diese blöde Angst nie mehr zwischen uns stehen möge. Diese dumme Angst, diese blöde angeborene inhärente Angst, die uns einfach nicht loslässt. Die in uns drinnen steckt, uns angeboren ist. Wir möchten uns berühren, haben aber Angst davor. Wir möchten uns öffnen, haben aber Angst davor. Warum eigentlich?? Dann, wenn man sich kennt, wenn man Vertrauen aufgebaut hat, wenn man sich näher kommt, wenn man sich daran gewöhnt hat, den Atem des anderen zu hören und zu fühlen, dann ist die Angst plötzlich weg, ist wie weggeblasen, dann verschwindet sie. Dann haben wir eine Situation, als wäre die Angst niemals da gewesen. Sie verfliegt dann. Von ganz allein. Bis dorthin ist es jedoch stets ein weiter harter Weg. Bevor man sich das erste Mal berührt, hat man doch immer ein wenig Angst. (…)

Ich hole jetzt mein Vertrauen aus meinen Stoffsack. Ich habe es immer bei mir dabei. Ich bin ge- spannt, wie groß es heute werden wird. Ich packe es aus und mache es ganz groß. Ich kann es groß machen. Das habe ich mittlerweile gelernt. Ich verrate nicht, wie ich das mache. Die Frage ist nur, wie lange wird es groß bleiben? Wenn es groß genug geworden ist, „aufgeblasen“ sozusagen, haue ich damit auf die Angst ein. Ich schlage die Angst. Mit meinem Schwert, das Vertrauen heißt. Ich schlage heftig zu. Die Angst kommt auf mich zu, sie kriecht jetzt hervor, sie wehrt sich, sie bäumt sich auf, schreit mich an, sie brüllt mich geradezu an, daß man es im weiten Umkreis hören kann, brüllt mich an, daß es mir kalt den Rücken herunterläuft, sie zeigt mir ihre Zähne, sie fletscht ihre scharfen Zähne, will mich beißen, will ihre Hauer in meine Muskeln stoßen, will mir zeigen, wie groß und stark sie wäre. Sie, die Angst, will mir Angst einflössen… aber ich gebe nicht auf. Ich wehre mich. Ich schlage um mich. Obwohl ich zittere, obwohl ich bebe, obwohl mir die Angst in den Adern nach oben kommt, obwohl mir eiskalt wird, kämpfe ich weiter. Ich darf nicht verlieren.

Im Zimmer tobt nun minutenlang ein virtueller Zweikampf. Die Angst versucht, mich umzustoßen, versucht, mich auf den Boden zu stoßen. Ich wehre mich so gut ich kann, lasse es nicht zu. Meine Freundin liegt ruhig auf dem Bett daneben und schläft und bekommt von alledem nichts mit. Alles ist wie in einem Traum. Es sieht aus wie ein Überlebenskampf. Wer wird gewinnen? Ich darf nicht verlieren. Immer und immer wieder schlage ich auf die Angst ein. Die Angst will mich packen, will mich erneut attackieren, will mich erdrücken, will mich fertig machen, aber ich wehre mich und schlußendlich zerhacke ich sie. Mein Vertrauen war groß genug und hart genug und stark genug, um die Angst zu zerschmettern. Die Angst ist besiegt.

Ich frage mich manchmal, woher ich denn dieses Vertrauen bloß geholt habe. Ich weiß es nicht mehr. Der ganze Fußboden ist mit Splittern der zerborstenen Angst übersäht, es sieht aus wie nach einer Schlacht, alles liegt wild zerstreut herum. Meine Freundin bekam von alledem nichts mit. Ich hole einen kleinen Besen und kehre die Splitter auf, damit sich kein Fuß an den verstreuten Splittern verletzen möge.

Das letzte schwache Abendlicht strahlt ins Zimmer, zerkrümelt und zerfällt in der Stube. Wir sehen in der Ferne das dämmrige Licht des Horizonts, es kommt näher und läuft hinter der Düsternis dieses Raumes zusammen. (…)

© Hubert
geschrieben in Berlin im Herbst 2023